Information und Kooperation

Information des Lehrerkollegiums, der Mitschülerinnen, der Mitschüler und ihrer Eltern

Wer von Amts wegen Kenntnis von einer chronischen Erkrankung hat, ist zur Verschwiegenheit verpflichtet. Dieses Prinzip darf nur durchbrochen werden, wenn es um die Abwendung einer akuten Gefahr oder um Meldungen von infektiösen Erkrankungen und evtl. um ein Schulverbot nach § 33 und § 34 des Infektionsschutzgesetzes geht.

Dies ist bei chronischen Erkrankungen jedoch meist nicht der Fall. Deshalb dürfen Lehrkräfte ihre Kolleginnen und Kollegen, die Mitschülerinnen und Mitschüler und deren Eltern nicht ohne Einwilligung der Eltern der betroffenen Schülerinnen und Schüler über eine Erkrankung informieren. Diese Einwilligung sollte in schriftlicher Form vorliegen und sie kann von den Eltern jederzeit widerrufen werden.

Erfahrungsgemäß ist es ratsam, dass zumindest das Lehrerkollegium über die Erkrankung einer Schülerin oder eines Schülers oder die für diese oder diesen bestehenden Sonderregelungen Bescheid weiß. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass auch die Fach- oder Vertretungslehrkräfte wissen, wie sie beispielsweise bei einem Asthmaanfall reagieren sollen oder warum eine Schülerin oder ein Schüler Anspruch darauf hat, im Unterricht Handschuhe zutragen oder öfter auf die Toilette zu gehen etc. Unter der Leitfrage „wie viele Informationen müssen bekannt sein, damit die Schülerin oder der Schüler in der Schule keinen Schaden nimmt“, empfiehlt es sich, konkret mit den Eltern zu besprechen, wie viele Informationen in welcher Form allen Lehrkräften zugänglich gemacht werden sollten.

In vielen Fällen hat es sich beispielsweise als sinnvoll erwiesen, wenn in einer Schule eine Liste der gesundheitlich beeinträchtigten Schülerinnen und Schüler existiert, in der ohne Nennung einer Diagnose einfach nur die jeweiligen Sonderregelungen, Vorsichts- und Notfallmaßnahmen und der Nachteilsausgleich aufgeführt sind, die für die jeweiligen Schülerinnen und Schüler gelten.

Ob und wie viele Informationen an die Mitschülerinnen und Mitschüler weitergegeben werden sollten, ist ebenfalls vom Einzelfall abhängig. Diese Entscheidung darf nicht ohne die Einwilligung der Eltern und sollte nicht ohne Einverständnis der betroffenen Schülerinnen und Schüler getroffen werden. Mögliche Bedenken oder Ängste der betroffenen Schülerin oder des betroffenen Schülers sind hierbei ernst zu nehmen. Einige Lehrerinnen und Lehrer haben die Erfahrung gemacht, dass es oft ausreicht, wenn sie das Problem von vornherein verallgemeinern und ohne „Outing“ der Schülerin oder des Schülers bestimmte Grundregeln etablieren, die grundsätzlich im schulischen Miteinander gelten sollten.

Wenn jedoch krankheitsbedingte Sonderregelungen von den Mitschülerinnen und Mitschülern als „Bevorzugung“ interpretiert werden könnten, sollte im Vorfeld interveniert werden. Aufklärung und Anti-Stigmaarbeit sind nahezu unumgänglich und können in vielen Fällen etwas bewirken. Mitunter kann eine allgemeine Thematisierung der Erkrankung im Unterricht sinnvoll sein. Dazu ist unter Umständen die Einbeziehung externer Fachleute günstig. Zum Thema „Psychische Erkrankungen“ bietet beispielsweise das Schulprojekt „Verrückt? Na und!“ von „Irrsinnig menschlich“ Projekttage an.1

Eine Kombination aus Aufklärung der Mitschülerinnen und Mitschüler und des Kollegiums und persönlichem Erfahrungsbericht leistet das Modell der „Heimatschulbesuche“, das vorrangig von Lehrerinnen und Lehrern und Ärztinnen und Ärzten der Kinderklinik Tübingen entwickelt wurde. Bei einem „Heimatschulbesuch“ kommen Fachleute (Ärztinnen und Ärzte, Kliniklehrkräfte) mit der betroffenen Schülerin oder dem betroffenen Schüler in die Klasse, um diese altersgerecht über die Erkrankung zu informieren. Im Anschluss daran findet eine Lehrerkonferenz statt, in der die Fragen der Lehrerinnen und Lehrer zur Erkrankung und zum Umgang mit der Schülerin oder dem Schüler besprochen werden.2

Die in vielen Fällen als positiv beschriebenen Erfahrungen mit einem Heimatschulbesuch beziehen sich fast ausschließlich auf Schülerinnen und Schüler mit schwerwiegenden körperlichen Erkrankungen. Mit Heimatschulbesuchen bei psychischen Erkrankungen gibt es hingegen kaum Erfahrungen.

Sind Lehrerinnen und Lehrer mit den Eltern übereingekommen, dass es im konkreten Fall notwendig ist, auch die Eltern der Mitschülerinnen und Mitschüler über die Erkrankung zu informieren, bieten Elternverbände, Selbsthilfegruppen und Kliniklehrkräfte Rat und Hilfe an, wie z. B. ein Musterbrief an die Eltern aussehen oder wie man einen Informationsabend gut gestalten kann. Vertreter dieser Gruppen sind oft auch bereit, in die Schule zu kommen.

Kooperation mit den Eltern und den behandelnden Fachleuten

Der konkrete Umgang mit chronisch kranken Schülerinnen und Schülern kann nur für den Einzelfall beschrieben werden. Das gilt für psychische Erkrankungen ganz besonders, trifft aber auch auf die meisten somatischen Erkrankungen zu. Erfahrungsgemäß ist es günstig, wenn Lehrkräfte, Eltern und behandelnde Therapeutinnen und Therapeuten gemeinsam mit der betroffenen Schülerin oder dem betroffenen Schüler der Frage nachgehen, mit welchen Beeinträchtigungen für den Schulalltag (auch durch mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten) zu rechnen ist, und nach Lösungen suchen, wie und mit welchen Sonderregelungen der Schulalltag bewältigt werden kann.

Es empfiehlt sich, dass Lehrerinnen und Lehrer mit den behandelnden Fachleuten auch direkt über die erkrankte Schülerin oder den erkrankten Schüler sprechen. Hierfür ist eine gegenseitige schriftliche Schweigepflichtentbindung durch die Eltern nötig. Die Entscheidung über die Therapie und die medizinische Behandlung liegt grundsätzlich auf der Seite der Eltern und der behandelnden Fachleute.

Einige Erkrankungen (wie z. B. ADHS) sind allerdings derart mit der Schule verwoben, dass diese Entscheidung der Eltern bestimmte Erwartungen an die Lehrkraft im Umgang mit der Schülerin bzw. dem Schüler impliziert. Diese können mitunter im Widerspruch zum eigenen Rollenverständnis stehen. Wichtig ist es, dies dann offen und ehrlich zu kommunizieren.

Kooperation mit der Klinikschule3

Bei einem längeren Klinikaufenthalt brauchen chronisch kranke Schülerinnen und Schüler Unterstützung, um den inhaltlichen Anschluss an ihre Klasse zu halten. Lehrerinnen und Lehrer können hier helfen, indem sie mit der Klinikschule in regelmäßigem Kontakt stehen und die Kliniklehrkräfte über die Vorgeschichte der Schülerin oder des Schülers und den behandelten Unterrichtsstoff informieren und Hausaufgaben und Klassenarbeiten weiterreichen. Nach der Rückkehr der Schülerin oder des Schülers in die allgemeine Schule können Lehrerinnen und Lehrer von den Kliniklehrkräften wertvolle Tipps für die pädagogische Arbeit und Empfehlungen für den Nachteilsausgleich erhalten.

In Brandenburg und Berlin dürfen Schulen untereinander schulbezogene Daten auch ohne Einwilligung der Eltern austauschen, soweit dies der Erfüllung gesetzlicher Aufgaben dient. In diesem Fall können Lehrerinnen und Lehrer der allgemeinen Schule eigenständig Kontakt zur Klinikschule aufnehmen.

Wie die Kooperation von Schule und Klinikschule am besten gelingt, ist vom konkreten Fall abhängig. Oft hat es sich als günstig erwiesen, wenn es an der allgemeinen Schule einen Verantwortlichen gibt, der die ausgehenden Informationen und Fragen aller Lehrkräfte bündelt und die eingehenden weitergibt. Anregungen wie der Prozess der Kooperation erfahrungsgemäß gut gestaltet werden kann, können die verschiedenen Klinikschulen geben.4

Wichtige Hinweise zur Kooperation zwischen allgemeiner Schule und Klinikschule sowie Hinweise zur Pädagogik bei Krankheit generell finden sich auch im Abschlussbericht des Projekts „Interklinikschule“5.

Die Klinikschulen haben einen Beratungsauftrag und sind deshalb auch generell Ansprechpartner für Lehrerinnen und Lehrer der allgemeinen Schule. Lehrkräfte können sich hier also in vielen Fällen auch Rat und Hilfe zum grundsätzlichen Umgang mit verschiedenen Erkrankungen im Schulalltag holen.


1www.irrsinnig-menschlich.de/Verrückt_Na_und_Konzept.pdf; www.verrueckt-na-und.de
2Informationen zum konkreten Ablauf eines Heimatschulbesuchs sowie zahlreiche Erfahrungsberichte finden sich im Buch „Klinik macht Schule“ von Pfeiffer et al. oder im Internet zum Beispiel unter: www.schule-bw.de/schularten/sonderschulen/sonderschultypen/sfk/schulen/mersch1.pdf; www.schule-fuer-kranke.de/unterricht/heimatschulbesuch.htm. Darüber hinaus können Sie über die Kinderkrebsstiftung den Film „Schulbesuche – Brücken ins Leben“ bestellen (www.kinderkrebsstiftung.de/informationsmaterial), in dem ein Heimatschulbesuch dokumentiert wird.
3Mit „Klinikschulen“ sind die Schulen gemeint, in denen die Schülerinnen und Schüler während eines Klinikaufenthaltes unterrichtet werden. Diese tragen in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Bezeichnungen. Zur besseren Verständlichkeit wird in dieser Handreichung  stets der Begriff „Klinikschule“ verwendet.
4Lohnenswert kann zum Beispiel ein Besuch der Internetseiten der Staatlichen Schule für Kranke München (http://sfk-m.de/index.php/de/), Freiburg (http://www.klinikschule-freiburg.de/) oder Tübingen (www.klinikschule-tuebingen.de) sein.
5www.interklinikschule.de